Textatelier
BLOG vom: 10.06.2007

Brainstorming: Gedankenblitze für den Whisky-Brennofen

Autor: Walter Hess, Biberstein (Textatelier.com)
 
Wenn immer die Führungsriege eines Unternehmens a) nicht mehr weiter weiss oder b) vom unbändigen Wunsch nach Innovation zur Belebung des Umsatzes beseelt ist, wird ein so genanntes Brainstorming veranstaltet. Ein Brainstorm ist ein Gewitter im Gehirn, bei dem Geistesblitze zucken. Das heisst also, dass jeder Teilnehmer, ob bedarft oder unbedarft, fachkundig oder nicht, alle seine Einfälle auf zusammen mit Kugel- oder Filzschreibern bereitgestellten Papierblättern oder auf einer Wandtafel, die innovative Menschen zur Flipchart umgewandelt haben, festzuhalten hat. Damit das Sprudeln beginnt, verkündet der Oberstürmer allen Mitwirkenden, jede Idee sei gleichwertig, das heisst also, man sollte auch vor der Niederschrift selbst vor blödsinnig anmutenden Blitzen nicht zurückschrecken. Das ist dann der Punkt, an dem die Sache lustig zu werden beginnt. In gelöster, lockerer Stimmung unter Verabschiedung von jeder Art von Selbstkontrolle innoviert es sich natürlich besser.
 
Ein Flipchart leistet dabei beste Dienste. Es ist ein Papierblock im Grossformat, dessen einzelne Plakatblätter, sobald sie vollgekritzelt sind, nach oben umgeschlagen werden können, also ebenfalls etwas zum Ausflippen wie der Drehsprung im Eislauf.
 
Der über diese Zeilen geneigte Leser spürt sogleich, dass da einer aus Erfahrung schreibt. In der Rumpelkammer meiner zarten Seele liegen noch viele unverarbeitete Brainsturmtrümmer herum. Das ist leicht zu erklären: Das Resultat des erwähnten intellektuellen Tuns ist viel kreuz und quer beschriebenes Papier, das natürlich niemand mehr lesen und schon gar nicht ordnen und gar auswerten mag. Im besten Fall kürt dann der Chef aus dem Stegreif seine eigene Idee als die beste, worauf an dieser weitergearbeitet werden muss, und die Mitstürmer dürfen dies mit der Gewissheit tun, bei der Entstehung dabei gewesen zu sein, wenn nicht sogar dazu selber etwas beigetragen zu haben. Und die zunehmend innovativeren Produkte, welche den Menschen angedreht werden, lassen eindeutig den Rückschluss zu, dass da sehr viel gebrainstormt worden ist.
 
Gar nichts gegen gute und andere gesammelte und auf Papier niedergeschriebene Einfälle hat auch Ruedi Käser vom Schloss unmittelbar über dem ländlichen Dorf CH-5077 Elfingen, der im ehemaligen Pfarrhaus eine Art Genusswerkstatt mit „Swiss spirtis“ eingerichtet hat. Er thront seit 1996 dort oben über dem Dörfchen und hat am 15. Juli 2006 den Neubau bezogen, der die Anlage mit viel Baugeschichte anreichert, wie das bei Schlössern, die über Jahrhunderte hinweg gewachsen sind, üblich ist. Seine Innovationskraft war derart gross, dass er sogar mit den Brainstorming-Zetteln fertig geworden ist. Er knüllt sie in globo zusammen und schiebt sie in den Brennofen seines Whisky-Destillierapparats. Dadurch gehen alle Gedanken in eine spirituelle Form über und können am Ende als Whisky genossen werden; das ist allerdings erst dann angezeigt, wenn auch dieser seine Reifezeit hinter sich gebracht hat. Da wird einem die Brainstormingkultur erstmals so richtig sympathisch.
 
Im Rahmen einer Informationsveranstaltung zum Thema „Der Geist der Kreativität und Innovation“ in Käsers Schloss in Elfingen AG wurde offensichtlich, dass es bei dieser wegweisenden Beendigung eines Brainstorming-Prozesses nicht einfach um graue Theorie ging. Denn da war tatsächlich der kupferne Brennofen (Fassungsvermögen: 600 Liter) – in Schottland sind solche mit 20 000 Liter Inhalt in Betrieb. Dieser Grössenvergleich lässt darauf schliessen, dass man es beim Elfinger Whisky mit einem individuellen Regionalprodukt und nicht etwa mit industriell hergestellter Massenware zu tun hat. Ich habe ihn („R.K. Whisky Castle, Switzerland“) etwas später im Vergleich mit Whiskys aus aller Welt (Japan, Österreich, Frankreich, Schottland mit dem betont rauchigen Ardbeg, Indien/Madras, USA usw.) degustiert und keinen anderen mit einer derart schönen, zarten Blume gefunden. Der Elfinger Whisky ist hell, hat also kein billiges Zucker-Couleur, und die eingesetzten Fässer aus verschiedenen Hölzern sind beste Handwerksarbeit. Ihr Holz wurde vor der Verarbeitung nicht zur Beurteilung der Faserung geröntgt, wie das in den USA getan wird; ein guter Küfer macht das zweifellos besser. Das weltweite, globalisierte Whisky-Geschäft wird zunehmend uniformierter – bereits gehören etwa 85 % der Destillerien 3 Grossunternehmen; da müssen Brenner-Exoten selbstverständlich für etwas Belebung sorgen.
 
Die Individualisierung schwingt sich hier zu neuen Höhenflügen auf: Der Kunde kann seinen eigenen Whisky im Elfinger Whisky-Castle an der Schlossstrasse 17 brauen und bis zur Reife dort lagern lassen. Er bestimmt die Getreidesorte (Gerste, Roggen, Dinkel) oder eine Mischung aus verschiedenen Sorten. Auch das Fass kann er auswählen: ungarische, französische oder amerikanische Eiche. Zudem kann er sich für ein Cherry-, Portwein- oder Bourbonfass entscheiden und erhält so seinen einzigartigen Whisky (Motto: „Die Leidenschaft der Einzigartigkeit“). Das Fass ist für bloss 25 000 CHF zu haben.
 
Der Organisator und Ausbildner Heinz Oftinger (Motto: „Gemeinsam verändern ... aber menschlich“) bezeichnete das Whisky-Schloss als „Innovations-Mekka“; er ist Autor des Buchs „Artgerechtes Halten von Kunden“ und setzt auf innerbetriebliche Lösungen, die einen möglichst hohen Praxistransfer sicherstellen und alle Beteiligten in die Verantwortung einbeziehen, wodurch die Erfolgsaussichten eines Unternehmens gefördert werden. Das sind oft jahrelange Prozesse, die auch von einem Fass mit dem während etwa 3 Jahren reifenden Whisky begleitet werden können. Das volle Fass ist ein Garant, dass eine als wichtig erkannte Idee auch umgesetzt wird; es ist nötig, dass die Beteiligten sich alle etwa 6 Monate Rechenschaft über den Fortgang des Projekts geben. Gleichzeitig reift der Whisky.
 
Wie mir Ruedi Käser erklärte, wird während dieser Zeit das Fass nicht angezapft. Zuerst die Arbeit ... dann das Geniessen.
 
Das ist Elfingen
Und wenn dieser Prozess des Reifens gelegentlich auch von Elfingen aus, einem stimmungsvollen Bauerndorf mit Rebbergen an den umrahmenden Seitenhängen an der nördlichen Bözbergrampe, begleitet werden kann, ist dies umso erfreulicher. Der Ort liegt fernab von Industriebetrieben. Dort gab es dafür einmal eine Kirche, die allerdings abgetragen wurde, nachdem die Gegend 1460 unter die Berner Herrschaft gelangt war. Die Pfarrer aber hielten die Bastion tapfer und wohnten noch 3 weitere Jahrhunderte im Elfinger „Schloss“, das inzwischen zu „Käsers Schloss“ geworden ist. Sie dürften Wein statt Whisky getrunken haben.
 
Der Ort an der Strasse, die Mönthal und Sulz verbindet, hat seine ursprüngliche Struktur bewahrt. Im ISOS-Band Aargau I (1988) heisst es dazu: „Sowohl das kleinteilige Wegnetz als auch die in ständig verschobenen Winkeln dazu liegenden Häuser reagieren feinfühlig auf die bewegten topographischen Verhältnisse. Die Bauernhöfe stehen bald trauf-, bald giebelständig zur Strasse, sind bald freistehend, bald zusammengebaut und bilden trotzdem auffällig homogen und geschlossen wirkende Gassen- und Platzräume, deren ursprünglicher Wirkung die bäuerlichen Vor- und Zwischenbereich, Gärten, Hofplätze, Matten, Bäume usw. Wesentliches beitragen. Aus dem sehr unhierarchisch aufgebauten Siedlungsbild ragt neben dem zentral gelegenen Schulhaus einzig das langgestreckte ‚Schloss’ auf dem Hügelsporn hervor.“
 
Und dort oben ist jetzt auch die vielleicht kleinste Whisky-Brennerei der Welt. Whisky ist ein Fusionsprodukt aus Getreide, Wasser, Holz und Zeit. Die letzten Jahre haben dargetan, dass bei Weitem nicht alle Fusionen Ergebnisse gezeitigt haben, die am Ende so viel Genuss gewährleisten.
 
Links
 
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